Entscheidungen

Wie fühlt sich eine gute Entscheidung an?

Wie geht man eigentlich mit wichtigen Entscheidungen im Leben um? Was sind die wirklich wichtigen Entscheidungen? Wie viele solcher wichtigen, einschlagenden Entscheidungen trifft man im Laufe eines Lebens? Wenn man sich das mal genau überlegt, sind es gar nicht so viele. Ich meine die Art Entscheidungen, die man wochenlang mit sich trägt, bei denen es nach der Abzweigung entweder nach links oder nach rechts geht und die darauf folgenden Wege und Möglichkeiten massiv davon abhängen, welche Richtung wir nun einschlagen.

Ich kann mich noch daran erinnern, wann ich zum ersten mal eine solch bewusste Entscheidung getroffen habe. Das war am Ende der sechsten Klasse, wo man sich zur Wahl der zweiten Fremdsprache zwischen Französisch oder Latein entscheiden musste. Dann entscheidet man irgendwann zwischen Ausbildung und Studium, AuPair oder Work & Travel, “Was mit Medien” oder BWL, abbrechen oder durchziehen, sparen oder ausgeben, Risiko oder Nummer Sicher, Wurzeln schlagen oder die Zelte immer wieder abreißen. Und so weiter. Hört sich viel an, ist aber wenn es hochkommt eine große Entscheidung pro Jahr. Tun wir uns deswegen so schwer damit? Weil wir es nicht oft genug machen, um Übung darin zu bekommen? Weil die Entscheidungen so unterschiedlich sind, dass man mögliche Lösungswege gar nicht erst auf andere Entscheidungen übertragen könnte?

Ich bin in den letzten Wochen wieder an solch einer Wegkreuzung angelangt und habe mich gefragt, woran man eigentlich eine gute Entscheidung erkennt. Wie fühlt sich das an? Wann weiß man, dass man richtig ist? Und wann ist es Zeit, die Entscheidung einzuloggen und einfach zu vertrauen? Hier teile ich nun fünf Aspekte einer (für mich) guten Entscheidung:

Die Pro- und Contra Liste ist Nebensache  

Für mich ist eine gute Entscheidung nie das pragmatische Abwägen der Pros und Cons. Aber sie fängt damit an, sich genau diese vor Augen zu führen und am besten aufzuschreiben. Warum? Weil man sie dann einmal aus dem Kopf hat und objektiv darauf schauen kann. Und weil sich ein schriftlich formulierter Gedanke immer nochmal anders anhört, als im Kopf. Listet man die Pros und Cons einer Entscheidung gegeneinander auf, wird schnell klar, dass man die Stickpunkte beider Seiten nicht quantitativ auszählen kann. Es gibt Gewichtungen. Präferenzen. Wir sind parteiisch. Wir fangen an, für eine Seite stärker zu argumentieren, obwohl die Stichpunkte dort noch recht dünn sind. Zu diesem Zeitpunkt weiß man dann unterbewusst schon, wofür man bewusst noch nicht bereit ist. Die Meinung, die wir jetzt noch vertreten, wird sich ändern. Unser Plan wird nicht aufgehen. Mist.

Die 180-Grad-Wendung

Bei mir fängt eine Entscheidung immer mit einer ganz klaren Meinung an. Wie früher in der sechsten Klasse. Ich war mir sicher, es wird Latein. Von Französisch wollte ich auch erst einmal gar nichts wissen. Ich kannte ältere Schüler aus der Nachbarschaft, die alle Latein hatten und mir erschienen auch die Latein-Klassen der älteren Jahrgänge irgendwie cooler. Immerhin wurden ja in der “Sieben” die Klassengemeinschaften neu geordnet nach denen, die Latein bzw. Französisch gewählt hatten. Zu dieser Zeit einschneidend. Weltverändernd. Ich bereitete meine Entscheidung also entsprechend gut vor. Ich suchte nach passenden Argumenten um “Latein” zu untermauern und sprach mit Schülern, von denen ich wusste, dass sie mir Latein empfehlen würden. Ich muss etwas schmunzeln, weil ich genau das auch wieder bei meiner aktuellen Entscheidung getan habe. Nur dass die Person, von der ich eine “pro-Latein” Antwort erwartet hatte, plötzlich “Französisch” sagte – ich hoffe du kannst mir noch folgen. 

Was ich sagen möchte: Ich habe damals Französisch gewählt. Die Entscheidung fiel am Tag vor Abgabe des Wahlzettels. Und ich hatte danach die beste Klasse, die beste Freundin, und natürlich Arthur, den perroquet. An dieser 180-Grad-Wendung erkenne ich bis heute eine gute Entscheidung. Es ist in der Regel immer genau das, wogegen ich mich innerlich gewehrt habe. Wogegen ich verzweifelt argumentiert habe. Das, was eigentlich nicht in den Plan passte. Wofür man im Kopf erstmal Platz schaffen muss. Und wofür man von einigen Menschen der sinngemäßen “pro-Latein-Bewegung” auch schon mal Missmut entgegen gebracht bekommt. Sobald ich aber einmal durch diese Wendung durchgegangen bin, bin ich mir absolut sicher. Naja, was ist schon absolut sicher.

White Space: Der leere, weiße Raum der Ungewissheit

Wie fühlt sich das an, wenn der Wahlzettel dann abgegeben ist? 100 Prozent sicher und voller Erleichterung? Erleichterung – ja, 100 Prozent sicher – nein. Für mich ist die Zeit nach der Entscheidung eine Art “white space”, in dem ich mich befinde. Man hängt ein bisschen in der Luft. Schon zuversichtlich, aber außerhalb der Komfortzone. Man kennt sich in der neuen Realität noch nicht aus. Wie oben beschrieben, sind ja die großen Entscheidungen einschlagend. Sie ändern die Richtung. Und man betritt Neuland. Springt ins kalte Wasser. Verlässt die Komfortzone. Kommt ins nächste Level. Und ab dann muss man einfach vertrauen. Auf das eigene Schicksal, das Universum, auf Gott. Vertrauen darauf, das alles gut wird. Ich erinnere mich dann immer an einen Spruch, den ich mal gelesen habe und dessen Autor mir leider nicht bekannt ist: 

“Es ruckelt immer ein wenig, wenn das Leben in den nächsten Gang schaltet.”

Bei mir ruckelt es gerade auch. Und ich weiß, dass muss es, damit es gut wird. 

Herz über Kopf: Das Bauchgefühl gewinnt

Umgangssprachlich sagen wir, wir treffen Entscheidungen mit dem Kopf, mit dem Herzen oder mit dem Bauch. Die letzten beiden gehören für mich zusammen und sind die einzig wahren. Die versucht man dann zwar nachträglich mit dem Kopf zu verargumentieren, aber sie kommen von Herzen. Für mich ist eine Entscheidung auch gut, wenn ich Schwierigkeiten habe, sie zu rechtfertigen. Weil Bauchgefühle schwer in Worte zu fassen sind. Und weil dann jedes Argument, das man als Entscheidungskriterium vorschiebt nicht wirklich der wesentliche Grund ist. In mir fühlt sich eine gute Entscheidung an wie Französisch wählen am letzten Tag vor Abgabe des Wahlzettels. Ein solches Gefühl als Entscheidungskriterium muss und kann nicht jeder verstehen. Eine gute Entscheidung muss nicht jeder mittragen. Die traurige Wahrheit: eine gute Entscheidung bedeutet auch verlieren und zurücklassen. Zu enttäuschen. Zu polarisieren. Alles andere ist keine Entscheidung. Alles andere ist ein “vielleicht”.

Je ne regrette rien: Die eigenen Werte als Gradmesser

“I did it my way” von Frank Sinatra kam mir in den letzten Tagen oft in den Sinn und auf die Playlist. Eine gute Entscheidung erkennt man demnach daran, das man sie mit 95 Jahren auf dem Sterbebett nicht bereut. Und so habe auch ich mir überlegt, was wohl mein älteres ich von der Richtung halten würde, für die ich mich gerade entschieden habe. Hätte ich bereut, es nicht zu wagen? Hätte ich mir gewünscht, mutiger gewesen zu sein? Werde ich mir über diese Entscheidung überhaupt noch Gedanken machen? (Ich mit Sicherheit, immerhin denke ich nach 15 Jahren noch an Entscheidungen aus der sechsten Klasse nach).

Schließlich gibt es für mich ein Gradmesser, von dem ich ganz sicher weiß, dass ich eine Entscheidung anhand dessen auch mit 95 Jahren nicht bereuen werde. Ein Gradmesser, das mich schon mein Leben lang begleitet und das ich erst jetzt für mich so klar formuliert habe. Meine Werte: Mut, Wachstum, Vision. Und dann zählen für mich diese beiden Fragen:

1. Ist die Entscheidung mutig?

2. Hilft mir diese Entscheidung, über mich hinaus zu wachsen?

Wenn ich beide Fragen mit ja beantworten kann, dann bin ich sicher, werde ich die Entscheidung auch mit 95 nicht bereuen. 

Bei meiner aktuellen Entscheidung befinde ich mich gerade sinnbildlich in den Sommerferien nach der sechsten Klasse. Ein Zeitpunkt, an dem ich noch nicht weiß, dass ich in der siebten Klasse meine beste Freundin kennen lernen werde. Wo ich noch ungewiss bin, ob ich in die coole Klasse komme. Und ich lerne, diese Art Ungewissheit zu schätzen und zu genießen. Weil es sich genau dafür zu leben lohnt. Und weil ich auch bei dieser Entscheidung weiß: ich habe wieder “Französisch” gewählt. 

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